Interview mit Dr. Wolfgang Plischke
Interview mit Dr. Wolfgang Plischke

Nachhaltige Entwicklung als Erfolgsstrategie

Dr. Wolfgang Plischke, im Bayer-Vorstand verantwortlich für Innovation, Technologie und Umwelt sowie die Region Asien/Pazifik
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Dr. Wolfgang Plischke, im Bayer-Vorstand verantwortlich für Innovation, Technologie und Umwelt sowie die Region Asien/Pazifik
Herr Dr. Plischke, Bayer bekennt sich in seinem Leitbild klar zu den Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung. Sind Sie davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit für Ihren Konzern auch eine ökonomische Erfolgsstrategie darstellt?
Auf jeden Fall. Für unser Unternehmen ist strategisches Nachhaltigkeitsmanagement sogar Grundvoraussetzung für unsere Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit. Alle Bayer-Geschäftsfelder sind von globalen Megatrends wie der Verknappung von Energie, dem demografischen Wandel, der Urbanisierung und natürlich vom Klimawandel betroffen. Die Beschäftigung mit diesen Themen ist deshalb Teil unseres Risikomanagements, bedeutet zugleich aber ebenfalls die Erschließung von Zukunftsmärkten. Inzwischen honoriert auch der Finanzmarkt zunehmend eine nachhaltige und verantwortungsbewusste Unternehmenspolitik.

Sie nennen gleich mehrere große Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung. Wie setzt Bayer die Prioritäten für sein Nachhaltigkeitsengagement?
Als Unternehmen mit einem breiten Portfolio sehen wir uns grundsätzlich in vielen Bereichen gefordert, nachhaltig zu handeln. Wir widmen uns aktuellen Herausforderungen besonders intensiv und berichten darüber auch ausführlich. Neben der Frage, in welchen Bereichen wir als Unternehmen eine besondere Verantwortung haben, fragen wir uns: Wo und wie können wir den größtmöglichen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung erzielen? Denn nur Unternehmen, die ihre Ressourcen und Kompetenzen gezielt einsetzen, können auch wirksame und sichtbare Nachhaltigkeitserfolge erbringen. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr in einem strukturierten, unternehmensweiten Prozess vier Schwerpunktthemen ausgewählt, denen wir in diesem Berichtsjahr besonderen Raum einräumen: Klimaschutz, Zugang zu Medikamenten, Corporate Compliance und nachhaltiges Beschaffungsmanagement. Natürlich spielten bei der Auswahl dieser Themen auch die Erwartungen unserer Stakeholder und der Öffentlichkeit eine wichtige Rolle. Schließlich sind wir überzeugt davon, dass sich nachhaltige Entwicklung nur im Dialog umsetzen lässt.
Welche geschäftliche Relevanz haben diese Themen für Bayer?
Eine sehr große, denn auch dies war ein Auswahlkriterium für unsere Schwerpunktthemen. Entsprechend der drei Säulen der Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie und Soziales – sind wir überzeugt davon, dass Strategien für eine ökologische und soziale Nachhaltigkeit nur umsetzbar sind, wenn diese auch mittel- und langfristig zu ökonomischem Erfolg führen. Gleichzeitig können wir auf Dauer nur erfolgreich wirtschaften, wenn wir auch soziale und ökologische Belange berücksichtigen.
Wir haben in den vergangenen Jahren unser Nachhaltigkeitsmanagement und unsere Berichterstattung systematisch weiterentwickelt und ausgebaut. In diesem Jahr bilden wir zum ersten Mal den gesamten Kriterienkatalog der „Global Reporting Initiative“ (GRI) ab und erreichen für diesen Bericht das GRI-Level A+.
Eines der Schwerpunktthemen dieses Berichts beschäftigt sich mit dem Klimaschutz. Wie sieht Ihr konkretes Engagement aus?
Wenn wir die durch den Menschen verursachte Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur auf maximal zwei Grad Celsius begrenzen wollen, was ein weltweit anerkanntes Ziel ist, müssen wir wirtschaftliches Wachstum noch mehr in Einklang bringen mit dem Schutz des Klimas. Deshalb haben auf Initiative des Konzernvorstands Vertreter aller Teilkonzerne und Servicegesellschaften gemeinsam mit externen Energie- und Klimaexperten das „Bayer-Klimaprogramm“ erarbeitet, das unter anderem bis 2020 ambitionierte Emissionsziele für alle Teilkonzerne vorgibt.
Ist denn Klimaschutz auch ökonomisch sinnvoll?
Natürlich. Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Grundlage für die Realisierung dieser Ziele ist ein eigens entwickeltes Steuerungsinstrument: der „Bayer Climate Check“. Mit diesem Instrument können wir nicht nur unsere eigenen Betriebe, sondern auch die Herstellung und den Transport der für die Produktion benötigten Rohstoffe sowie den Energieeinsatz hinsichtlich der CO2-Emissionen bewerten. So haben wir eine solide Entscheidungsgrundlage für die Neugestaltung von Produktionsprozessen und auch für Investitionsentscheidungen. Und nicht zuletzt senken die erzielten Energieeinsparungen natürlich auch unsere Kosten.
Mit anderen Worten: Sie wollen mit Innovationen Nutzen für das Klima und das Unternehmen schaffen?
Das ist richtig. Unsere Innovationsfähigkeit ist schließlich Motor unseres Wachstums und unserer Bemühungen um Nachhaltigkeit. Darüber hinaus haben wir den mit 50.000 Euro dotierten „Bayer Climate Award“ sowie unser Stipendienprogramm „Bayer Climate Fellows“ ins Leben gerufen – beides ebenfalls Initiativen im Rahmen unseres Klimaprogramms.
Ein Thema, dem immer stärkere Aufmerksamkeit zukommt, ist der weltweite Zugang zu Medikamenten und zu einer nachhaltigen Gesundheitsversorgung. Wo steht Bayer hier?
Auch auf diesem Gebiet bekennen wir uns klar zu unserer Verantwortung und haben zum Ziel, dass für alle Menschen rund um den Globus das Recht auf Gesundheit verwirklicht wird. Denn nur dadurch ist auch der weltweite Kampf gegen Armut zu gewinnen. Zu diesem Thema haben wir deshalb ein Strategieprojekt aufgesetzt, um alle unsere bisherigen Aktivitäten auf diesem Gebiet effektiv zu bündeln und den ökonomischen und gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Dafür brauchen wir starke Allianzen.
Beispielsweise kooperieren wir mit der „Global Alliance for TB Drug Development“ oder engagieren uns seit mehreren Jahren in der „Global Business Coalition on HIV/AIDS, Tuberculosis and Malaria“. Aber auch mit weiteren Partnern wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeiten wir bei einer Vielzahl von Themen im Gesundheitsbereich eng zusammen. Ein wichtiger Schwerpunkt unseres Engagements wird auch in Zukunft die Familienplanung sein. Denn die Tatsache, dass viele Menschen immer noch nicht selbstbestimmt über ihre Familienplanung entscheiden können, ist eine bedeutende Ursache für die weltweite Armut. Wichtig ist mir an dieser Stelle aber auch ein anderer Aspekt: Unsere Aktivitäten zeigen, dass der für Innovationen und damit für forschende Unternehmen essenzielle Patentschutz dem Recht auf Zugang zu Medikamenten nicht widerspricht. Außerdem sind inzwischen 95 Prozent der Arzneimittel der WHO Essential Drug List patentfrei.
Auch die Themen Corporate Compliance und Lieferanten­management sind weiterhin Schwerpunktthemen des Bayer-Konzerns. Warum?
Weil sie ebenfalls von außerordentlich großer Bedeutung für unseren Erfolg sind. Mit unseren Initiativen für Compliance – beispielsweise unserer unternehmensweiten Kommunikationskampagne zum Thema Anti-Korruption im vergangenen Jahr – machen wir allen klar, dass Gesetzesverstöße bei Bayer nicht geduldet werden. Mitarbeiter, die in unethisches Handeln verwickelt sind, haben im gesamten Unternehmen keine Zukunft. Denn die Verantwortung unseres Unternehmens muss von jedem Einzelnen mitgetragen werden. Nur so können wir auf Dauer erfolgreich sein. Wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen, dürfen wir aber nicht nur nach innen blicken. Auch für unsere Lieferbeziehungen tragen wir Verantwortung. Die nachhaltige Gestaltung unseres Einkaufs ist deshalb ein weiteres wichtiges Thema. Hier geht es nicht allein um Compliance-Fragen, sondern grundsätzlich um die Durchsetzung von Nachhaltigkeitskriterien in allen Lieferbeziehungen. Dafür bauen wir unser Lieferantenmanagement weiter aus und investieren in Schulungen, aber auch in die notwendigen Kontrollmechanismen.
Zum Abschluss eine Frage nach der Zukunft: Im Nachhaltigkeitsprogramm 2006+ des Unternehmens berichten Sie über die Ziele bis 2010. Wie geht es danach weiter mit dem Nachhaltigkeitsengagement des Bayer-Konzerns? 
Im Klimabereich haben wir uns insbesondere vor dem Hintergrund der bereits geleisteten Treibhausgas-Reduktionen heute schon ehrgeizige Emissionsziele bis 2020 gesetzt und Steuerungsinstrumente für deren Umsetzung entwickelt. Unsere stark gewachsene Präsenz im Gesundheitsmarkt sowie die Bedeutung des Themas haben uns veranlasst, eine umfassende, langfristig angelegte Strategie „Zugang zu Medikamenten“ von einem Projektteam erarbeiten zu lassen. Noch stärker werden wir uns zukünftig sicherlich auch mit einer anderen großen Herausforderung beschäftigen – dem Thema Wasser. All dies folgt unserem Leitbild – wir wollen nachhaltig erfolgreich wirtschaften im Einklang mit gesellschaftlichen Anforderungen und Zielen. Dies bedeutet, dass wir uns auch über 2010 hinaus konkrete Ziele setzen werden, an denen wir uns messen lassen.
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